Trends und Entwicklungslinien der außeruniversitären Forschung im internationalen Vergleich

Abstract zu S. 74-87 aus: Wissenschaft als Beruf – Bestandsaufnahme – Diagnosen – Empfehlungen
(Herausgeber: Max Haller, Autor: Thomas Heinze)

Trends und Entwicklungslinien der außeruniversitären Forschung im internationalen Vergleich

 

Der Aufsatz „ Trends und Entwicklungslinien der außeruniversitären Forschung im internationalen Vergleich “ gibt für die Wissenschaft als Beruf einen international vergleichenden Überblick über die verschiedenen Trends in der außeruniversitären Forschung. Dazu wurden verschiedene Daten in einem zeitlichen Verlauf untersucht und verglichen: Anteile der Unternehmen an der Durchführung und Finanzierung von Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten (F&E), Output-Profile ausgewählter deutscher Forschungseinrichtungen sowie die Anzahl staatlich finanzierter Großforschungseinrichtungen in den Vereinigten Staaten und Deutschland.

 

Drei Trends außeruniversitärer Forschung

Es wird die neue Situation von Wissenschaftlern anhand von drei Trends in der außeruniversitären Forschung skizziert.  Der erste Trend ist der weltweite Rückgang der staatlichen Förderung von industrieller F&E. Ursächlich hierfür ist die Liberalisierung in bestimmten Wirtschaftssektoren sowie die steuerliche Förderung industrieller F&E. Ein zweiter Trend wird durch die institutionelle Aufwertung angewandter Forschung im staatlich finanzierten, außeruniversitären Forschungssektor beschrieben. Beispielhaft ist die Entwicklung der Frauenhofer-Gesellschaft (FhG) im Vergleich zur Max-Planck-Gesellschaft (MPG). Die FhG bringt gemessen an ihren Ressourcen die meisten Patentanmeldungen hervor, während Wissenschaftler der MPG die meisten Publikationen aufweisen. Dass angewandte Forschung in der außeruniversitären Forschung aufgewertet wurde, lässt sich durch das extreme Wachstum der FhG erklären. Das Problem der institutionelle Erneuerungsfähigkeit der staatlichen Großforschung bildet den dritten Trend ab. Dies bedeutet, dass Forschungsorganisationen neue Forschungsfelder etablieren und zugleich neues Wissen und Technologien im Kontext geänderter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen herstellen müssen. Nach einer kurzen Gründungs- und Expansionsphase (1940er, 1950er und 1960er) wurden nur noch sehr wenige neue Forschungszentren gebaut. Hier gibt es nun ein Konflikt zwischen der institutionellen Konsolidierung und den vielen neuen Forschungsfelder die etabliert werden müssen. Ein konzeptuelles Raster kategorisiert die vier Prozesse der institutionellen Erneuerung, um den Aufbau neuer als auch den Rückbau vorhandener Forschungsprozesse zu systematisieren (Auflösung, Aufschichtung, Verdrängung, Umwandlung).

 

Folgen und Probleme der außeruniversitären Forschung 

Die Ergebnisse der drei Trends (Rückgang der staatlichen Förderung der Industrieforschung, Aufwertung der angewandten Forschung im staatlichen Bereich und das Problem der institutionellen Erneuerungsfähigkeit der Großforschung) bedeuten, dass F&E eine immer größere Rolle für die kommerzielle Wertschöpfung spielt. Da im Vergleich zu den Hochschulen, die Unternehmen höhere Gehälter und bessere Aufstiegsmöglichkeiten bieten, ist es für Absolventen attraktiver einen Job in der Entwicklungsabteilung von Unternehmen anzunehmen, als eine Karriere an der Hochschule anzustreben. Die Anzahl der unbefristeten Stellen in Universitäten und außeruniversitären Instituten ist in den letzten Jahrzehnten nicht gewachsen, wohingegen sich der Arbeitsmarkt für Industrieforscher vergrößert hat. Viele Fachabsolventen werden daher die technische Entwicklung der akademischen Forschung und Lehre vorziehen. Parallel wandelt sich das berufliche Rollenbild von Forschern durch die institutionelle Aufwertung der angewandten Forschung in staatlichen Institutionen. Die Komplexität ihres Arbeitsumfeldes wird zunehmen und durch neue Anforderungen wird die Fähigkeit der Forscher zur Improvisation immer stärker. Höhere Komplexität kann zudem zur Ausbildung neuer Hierarchieebenen führen und damit in der Organisationsform der Industrieforschung und Großforschung ähnelen. Dies wird zu einem Verlust an Freiheit bei der individuellen Gestaltbarkeit der Forschungsarbeit führen. Durch das Problem der institutionellen Erneuerungsfähigkeit ergeben sich neue zusätzliche Herausforderungen für Wissenschaftler. Lange Zeit stellte eine Beschäftigung an einem Großforschungszentrum eine attraktive Lösung im Vergleich zu Hochschulen dar. Es wurde eine gesicherte berufliche Existenz gegen weniger Freiheit in der beruflichen Gestaltungsmöglichkeit getauscht. Dies funktioniert heute nicht mehr ohne weiteres, da viele Großforschungszentren den Anteil ihres befristeten Personals erhöhen, um ihre Neuausrichtung besser gestalten zu können.
Es ist daher davon auszugehen, dass die Beschäftigten von Großforschungszentren im Vergleich zur Industrieforschung (unbefristete Arbeitsverträge, hohes Gehalt) und zur Hochschulforschung (hohe Freiheitsgrade) in eine schlechte berufliche Situation geraten.

 

 

Fremde Feder #2 – Stress und Geschlecht

 

# von: Natalie R. # Titel: „Stress und Geschlecht – Unterschiede zwischen Männern und Frauen in Stresswahrnehmung, Verarbeitung und Bewältigung“ # vom: 06. September 2017

Einleitung

Stress ist zu einem festen Bestandteil der heutigen Leistungsgesellschaft geworden. Laut Angaben der Stressstudie 2016 der Techniker Krankenkasse fühlen sich mehr als 60 Prozent der Bevölkerung gestresst. Der Anteil der gestressten Frauen beträgt 63 Prozent, bei den Männern sind es 58 Prozent (vgl. TK 2016, S.6f). Aufgrund von psychischen Krankheiten haben sich die Arbeitsunfähigkeitstage zwischen den Jahren 2005 und 2015 mehr als verdoppelt (vgl. Knieps & Pfaff 2016, S.59). Erschöpfung oder das Gefühl ausgebrannt zu sein sind mit 31 Prozent die zweithäufigste Ursache für Krankmeldungen (vgl. TK 2016, S.47f). Der BKK Gesundheitsreport aus dem Jahre 2016 unterstreicht ebenfalls, dass psychische Störungen der Grund für die längsten Fehlzeiten von durchschnittlich 36 Tagen pro Fall sind (vgl. Knieps & Pfaff 2016, S.47).

Zu Beginn dieser Arbeit wird der Begriff Stress definiert. Einleitend wird Stress anhand des biologischen Stressmodells nach Cannon (1932) und des transaktionalen Stressmodells nach Lazarus (1974) erklärt. Daraufhin wird Geschlecht definiert und von der Gender-Identität differenziert. In dieser Arbeit wird von dem biologischen Geschlecht und den stereotypen Geschlechterrollen von Männern und Frauen ausgegangen.

Im zweiten Teil werden die beiden Themenbereiche Stress und Geschlecht miteinander kombiniert, mit dem Ziel zu erklären, ob Männer und Frauen Stress unterschiedlich wahrnehmen. Hierfür werden Stressoren, Ressourcen und Resilienz erläutert und die Unterschiede zwischen den Geschlechtern herausgearbeitet. Auch die körperliche und physische Reaktion auf Stress wird für beide Geschlechter untersucht. Auf Basis der vorliegenden Informationen über die Wahrnehmung und Verarbeitung von Stress werden die geschlechtertypischen Bewältigungsstrategien herausgearbeitet. Dabei werden problemorientiertes und emotionsorientiertes Coping untersucht. Außerdem wird auf die evolutionsbiologische Fight-or-flight-Theorie, sowie auf die Tend-and-befriend-Theorie eingegangen. Zuletzt wird die Wichtigkeit sozialer Netzwerke und ihre Wirkung auf beide Geschlechter betont.

Grundlagen und Begriffsdefinitionen

Zu den bekanntesten Stressmodellen gehören unter anderem die biologischen Stressmodelle nach Cannon (1932) und Seyle (1936) und das psychologische transaktionale Stressmodell nach Lazarus (1974). Stress ist die psychische, physische und biochemische Reaktion des Körpers auf Anforderungen, welche mit verfügbaren Ressourcen nicht bewältigt werden können. Unter Stress werden stets dieselben biochemische Vorgänge im Körper freigesetzt. Emotionale Reaktionen und Folgen von Stress können je nach Individuum und Handlungsstrategie sehr unterschiedlich ausfallen (vgl. Stangl 2017).

Insgesamt gibt es zwei Arten von Stress mit jeweils positiven bzw. negativen Auswirkungen auf das Individuum. Eustress wirkt motivierend, erhöht die Aufmerksamkeit und das Individuum sieht sich in der Lage die Anforderungen zu bewältigen. Distress hingegen übersteigt die Bewältigungsmöglichkeiten des Individuums und wirkt nicht mehr motivierend, sondern hemmend (vgl. Zülich, o.J. S.6). Hans Seyle, der als erster Begründer von Stress gilt, bezeichnet diesen in seiner Theorie als Allgemeines Anpassungs-Syndrom. Hiernach passt sich der Körper der jeweiligen Stresssituation an. Seyle behauptet, dass Stress hervorrufende Ereignisse eine Vielzahl von unterschiedlichen Situationen sein können, aber die physiologischen Reaktionen darauf immer die gleichen seien. (vgl. MacMahon 1987, S.29)

Evolutionärer Ansatz

Walter Cannon (1932) legt mit seiner evolutionsbiologischen „Fight-or-flight“- Theorie den Grundstein für die Stressforschung. Das Stammhirn, der älteste Teil des menschlichen Gehirns, reagiert reflexartig auf unerwartet eintreffende Gefahrensituationen. Hierbei werden Noradrenalin und Adrenalin ausgeschüttet und der Kortisolspiegel steigt an. Außerdem erfolgt eine Sympathikuswirkung welche zu erhöhter Herzaktivität, Durchblutung von Muskeln und Blockierung des Magen-Darm-Traktes führt.

In der Epoche der Jäger und Sammler war die körperliche Stressreaktion überlebensnotwendig. Innerhalb von Sekunden wurde die Gefährlichkeit einer Situation eingeschätzt, der Körper mobilisierte seine Kräfte und so konnten die Handlungsstrategien Kampf oder Flucht effektiv genutzt werden. Auch heute wird in Stresssituationen die gesamte Energie in Muskelkraft mobilisiert. Problematisch ist, dass heutige Stresssituationen nicht durch Kampf und Flucht bewältigt werden können, sodass daraus ein Überschuss an nicht mobilisierten Kräften entsteht (vgl. Strangl 2017).

Transaktionale Stressmodell nach Lazarus

Das Transaktionale Stressmodell wurde entwickelt von Richard Lazarus im Jahre 1974. Lazarus geht davon aus, dass Stress ein Ungleichgewicht im Verhältnis von Mensch und Situation darstellt. „Stress entsteht im Zusammenspiel zwischen situativen Anforderungen und individuellen Beurteilungen der eigenen Ressourcen und Fähigkeiten“ (Zülich o.J. S.11).

Jedes Individuum bewertet Stressoren unterschiedlich. Ob Stress zustande kommt, hängt nach Lazarus von den drei Formen der Situationsbewertung ab. Die erste Form umfasst die primären Bewertungen: Das Individuum bewertet, ob ein potenzieller Stressor als irrelevant, gefährlich oder als positiv angesehen wird. Wenn eine Situation als stressig aufgefasst wird, kommt es zur sekundären Bewertung: Hier wird zwischen einer herausfordernden Situation, einer Bedrohung und einem Verlust unterschieden. Herausforderungen können stimulierend wirken, weil das Individuum davon ausgeht, die Situation bewältigen zu können. Bei Bedrohungen reflektiert das Individuum über seine eigenen persönlichen Bewältigungsmöglichkeiten und prüft, ob ihm ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen. Reichen die eigenen Ressourcen nicht aus, um eine Anforderung zu bewältigen, entsteht Stress.

Um das vorhandene Ungleichgewicht zwischen Anforderungen und Bewältigungsmöglichkeiten auszugleichen werden Bewältigungsstrategien, sogenannte Coping-Strategien, entworfen. Diese können emotionsorientiert oder leistungsorientiert sein. Außerdem sind sie situationsbedingt und hängen von den kognitiven Eigenschaften der Person ab.

Zuletzt wird über den Erfolg einer verwendeten Lösungsstrategie entschieden. Es kommt zu einer Neubewertung der Situation, denn je nach Ressourcen und Kognition kann eine Bewältigungsstrategie funktional oder dysfunktional sein (vgl. Strangl 2017).

Gender vs. Geschlecht

Geschlecht und Gender-Identität müssen voneinander unterschieden werden. Es gibt vier Stufen zur Bestimmung eines Geschlechts, welche aufeinander aufbauen. Die erste Stufe ist das chromosomale Geschlecht. Männliche Embryos haben XY-Chromosomen und weibliche haben XX-Chromosomen. Die zweite Stufe ist das hormonelle Geschlecht. Beide Geschlechter besitzen dieselben Hormone, jedoch sind diese unterschiedlich stark ausgeprägt. Männer haben beispielsweise mehr Testosteron und Frauen haben mehr Östrogene. Die dritte Stufe ist das morphologische Geschlecht. Dieses beschreibt die Körperformen und typische geschlechtsspezifische körperliche Merkmale. Männer haben beispielsweise größere Knochen, Muskeln und eine stärkere Körperbehaarung als Frauen. Diese drei Stufen bauen aufeinander auf. Die Chromosomen bestimmen den Hormonhaushalt und der Hormonhaushalt wiederum prägt körperliche Merkmale. Die vierte Stufe meint die typischen Verhaltensweisen von Männern und Frauen. In der Realität jedoch beeinflusst die Gender-Identität das Verhalten. Nur, weil eine Person männlich ist, heißt dies nicht, dass sie sich nicht zum weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen kann. Gender-Identitäten werden durch die Sozialisation geprägt. Einerseits hat die Biologie einen starken Einfluss auf Verhalten, andererseits kann geschlechtsspezifisches Verhalten erlernt werden (vgl. Schramek 2009, S.2f). Geschlecht ist somit biologisch, während Gender-Identität psychologische Aspekte mit sich bringt (vgl. MacMahon 1987, S.42)

Laut der Sozial-Lerntheorie entwickeln Männer und Frauen unterschiedliche Gender-Identitäten, weil sie von der Gesellschaft in der sie aufwachsen für ihr Verhalten entweder belohnt oder bestraft werden. Unangebrachte dem Geschlecht nicht entsprechende Verhaltensweisen werden gehemmt und dadurch entwickelten sich typisch männliche und typisch weibliche Verhaltensweisen.

Die Kognitive-Theorie betont, dass die Gender-Entwicklung im Zusammenhang mit der menschlichen Erkenntnis (Kognition) steht. Geschlechter-Identifizierung findet durch die Nachahmung von Vorbildern, deren Verhalten und Eigenschaften statt (vgl. MacMahon 1987, S.44f).

Alle Theorien stimmen darin überein, dass die Gender-Identität die Entwicklung eines Kindes schon sehr früh beeinflusst. Entwicklungspsychologen haben bewiesen, dass Kinder ihr Geschlecht vor dem Alter von zwei Jahren erkennen können (vgl. MacMahon 1987, S.45). Jüngste Studien konnten ebenfalls zeigen, dass die Gender-Identität bereits mit vier Jahren vollständig entwickelt wurde und die Umwelt die angenommene Identität nicht mehr ändern kann (vgl. Schramek 2009, S.5).

Durch verinnerlichte Gender-Schema entstehen Idealbilder von typisch weiblichen und typisch männlichen Charaktereigenschaften. Männer haben demnach eine instrumentelle Orientierung und handeln meist zielorientiert. Zu den maskulinen Charaktereigenschaften zählen Selbstsicherheit, Unabhängigkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Leistungsbereitschaft und Risikobereitschaft. Maskulinität wird außerdem durch einen dominanten assimilativen Stil charakterisiert, welcher die Angleichung der Umwelt an das Individuum meint.

Frauen haben eine expressive Orientierung und handeln personenorientiert. Zu den typisch femininen Charaktereigenschaften gehören Hilfsbereitschaft, Harmoniestreben, Geselligkeit, Fürsorge, Selbstlosigkeit und Sanftheit. Femininität wird mit einem warmen akkomodativen Stil charakterisiert welcher die Angleichung des Individuums an die Umwelt bedeutet. Wichtig ist jedoch zu erwähnen, dass gesunde Männer und Frauen, sowohl maskuline, als auch feminine Eigenschaften besitzen (vgl. MacMahon 1987, S.49f).

Stresswahrnehmung der Geschlechter

Stressauslösende Faktoren werden Stressoren genannt. Sie treten in der Freizeit, während der Arbeit und im Familienleben auf oder können durch eigene Haltungen und hohe Ansprüche an sich selbst verursacht werden (vgl. Busch et al. 2015, S.21). Innere und äußere Faktoren können Stress auslösen und dabei ist es von Mensch zu Mensch unterschiedlich, ob eine Situation als stressig empfunden wird oder nicht. Erst wenn ein Reiz als stressig wahrgenommen wird und es an Strategien oder Kompetenzen mangelt um diese Anforderung zu bewältigen, wird Stress empfunden (vgl. TK 2016, S.12). Umweltbedingte Stressoren wirken von außen auf den Betroffenen ein. Dabei handelt es sich beispielsweise um Lärm, Hitze, Reizüberflutung oder unmittelbar drohende Gefahren. Als arbeitsbedingte Stressoren gelten Termindruck, hohe Verantwortung, fehlende Wertschätzung und enormer Leistungsdruck. Zu den zeitlichen Stressoren zählen Nacht- und Schichtarbeit, Arbeit auf Abruf oder genereller Zeitdruck. Soziale Stressoren sind fehlende soziale Unterstützung, Konkurrenz, Rollenkonflikte oder Mobbing. Stressoren aus dem Familienleben sind in erster Linie die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie. Außerdem können sich Überforderungen zum Beispiel bei Verantwortlichkeit für pflegebedürftige Familienmitglieder ergeben. Auch Verschuldung oder kritische Lebensereignisse, wie Scheidung, Erkrankung oder Tod eines Familienmitglieds gehören zu Stressoren aus dem Familienleben. Personale Stressoren können beispielsweise als hohe Ansprüche an sich selbst, unrealistische Ziele oder fehlende Qualifikationen zusammengefasst werden (vgl. Busch et al. 2015, S.21).

Laut der Stressstudie 2016 der Techniker Krankenkassen sind die am häufigsten genannten Stressauslöser der Beruf und zu hohe Ansprüche an sich selbst. 54 Prozent der Männer nennen ihren Beruf als häufigsten Stressauslöser, bei den Frauen sind es knapp 39 Prozent. Frauen hingegen gaben überdurchschnittlich oft an, dass sie die Ansprüche an sich selbst unter Druck setzten (48 Prozent). Daraus lässt sich schließen, dass knapp die Hälfte der Frauen mit dem Anspruch, sowohl im Berufs- als auch im Familienleben, den Anforderungen gerecht zu werden, überfordert ist. Ständige Erreichbarkeit durch das Smartphone wird von Männern (34 Prozent) eher als Belastung angesehen, bei den Frauen empfindet das nur circa jede Vierte so. Konflikte im sozialen Umfeld hingegen treffen Frauen schwerer. 30 Prozent nennen Konflikte mit Nahestehenden als Stressfaktor, bei den Männern sind es knapp 17 Prozent. Ein weiterer Belastungsaspekt, von dem eher Frauen als Männer betroffen sind, betrifft die Koordination von Beruf und Familie. Obwohl die Erwerbsquote von Frauen in den letzten Jahren gestiegen ist, arbeiten Frauen immer noch deutlich häufiger in Teilzeit (43,3 Prozent) und übernehmen größtenteils die Hausarbeit und die Verantwortung für die Kindererziehung (TK 2016, S.14). Ein Viertel der Frauen sieht die Kindererziehung als Belastungsfaktor, im Gegensatz dazu nur jeder siebte Mann. Doch es gibt auch Stressoren die Männer und Frauen nicht unterschiedlich aufnehmen. Termindruck und Verpflichtungen in der Freizeit (ca. 33 Prozent), die Teilnahme am Straßenverkehr (30 Prozent) und schwere Erkrankungen eines Nahestehenden (25 Prozent) stressen Männer und Frauen gleichermaßen (vgl. TK 2016, S.13f).

Ressourcen und Resilienz

Ressourcen sind Hilfsmittel und werden in erster Linie zur Bewältigung von Alltagssituationen genutzt. Mit Hilfe von Ressourcen kann Stress reduziert werden und sie können sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Zu den situativen Ressourcen gehören materielle Sicherheit, eine gesunde Umwelt und gute Wohnverhältnissen. Außerdem sind funktionierende familiäre und soziale Beziehungen wichtige soziale Ressourcen. Ein Direkteffekt auf die Gesundheit wurde für situative Ressourcen und für soziale Ressourcen mehrfach empirisch bestätigt. Darüber hinaus verweisen einige Autoren auch auf die körperliche Widerstandskraft und die Erholungsfähigkeit als personale Ressourcen.

Damit Ressourcen positiv wirken können, müssen sie der Person bewusst wahrgenommen werden. Viele Menschen nehmen in schwierigen Situationen Potentiale und Ressourcen weniger deutlich wahr (vgl. Busch et al. 2015, S.21f). Allein der Gedanke, eine belastende Situation verändern oder verlassen zu können kann sich auf das Stressempfingen auswirken. Diese innere Widerstandskraft wird Resilienz genannt. Sie beschreibt die Fähigkeit des Individuums Krisen mit vorhandenen persönlichen und sozialen Ressourcen zu bewältigen. Je größer die individuelle Resilienz ist, desto weniger belastend werden Stressoren wahrgenommen. Studien zufolge ist Resilienz bis zu einem gewissen Grad erlernbar, hängt aber auch Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit und dem Zugehörigkeitsgefühl zur Familie, sozialen Gruppe und Gesellschaft ab (vgl. Gießen 2015).

Psychische und physische Folgen von Stress

Kommt es zur Überlastung produziert der Körper die Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol. „Sobald diese in den Blutkreislauf gelangen, bereiten sie den Körper biologisch auf eine bevorstehende Flucht oder einen Kampf vor…“ (Landesinstitut für Arbeitsgestaltung NRW 2014, S.6). Der Körper mobilisiert Energiereserven, der Blutdruck steigt und die Verdauung verlangsamt sich. Funktionen die für den Körper nicht überlebensnotwendig sind werden heruntergefahren. Normalerweise sinkt der Hormonspiegel wieder, wenn der Stress vorbei ist. Daher ist kurzzeitiger Stress nicht gefährlich, Dauerstress hingegen kann schwere körperliche und psychische Folgen mit sich bringen (vgl. Landesinstitut für Arbeitsgestaltung NRW 2014, S.6f).

Wird Stress jedoch zum Dauerzustand schwächt er das Immunsystem und kann schwere gesundheitliche Folgen mitbringen. Langanhaltender Stress wirkt sich auf die körperliche Gesundheit aus uns korreliert im hohen Maße mit der psychischen Gesundheit. Jeder dritte Deutsche leidet an chronischen Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Asthma. Zwei Drittel der Personen die häufig gestresst sind, leiden an Muskelverspannungen und Rückenschmerzen. 64 Prozent unter Erschöpfung und Burnout. Fast die Hälfte der Personen mit hohem Stresspegel gab an unter Gereiztheit (47 Prozent) und Schlafstörungen (46 Prozent) zu leiden. 36 Prozent der Befragten klagen über Kopfschmerzen an und jeder Vierte gibt an Depressionen zu haben (vgl. TK 2016, S.47).

Männer und Frauen zeigen deutliche Unterschiede in der körperlichen Reaktion auf Stress. (vgl. DiePresse 2017). Mehrere Studien haben gezeigt, dass Männer in stressigen Situationen doppelt so viel Cortisol ausschütten, mehr Adrenalin ausstoßen und einen höheren Bluthochdruck haben als Frauen. Der subjektiv empfundene Stress ist bei Frauen größer und sie berichten häufiger über Erkrankungen durch Stress. Dennoch konnten bei Männern in Laborexperimenten deutlich stärkere biologische Effekte auf Stresssituationen gefunden wurden (vgl. Juster 2009, S.7).

Frauen weisen für Krankheiten wie Herzbeschwerden, Hypertonie, Bronchitis, Asthma, Diabetes und Migräne eine höhere Anfälligkeitsrate auf. Dennoch ist die Anzahl der aus diesen Krankheiten resultierenden Todesfälle bei Männern höher. Zweimal so viele Männer als Frauen sterben an Herzinfarkten. Dies unterstützt die Annahme, dass Frauen anfälliger für stressbedingte Krankheiten sind, sie aber mit geringerer Wahrscheinlichkeit an ihnen sterben. (vgl. McMahon 1987, S.22).

Bezüglich der Arbeitsunfähigkeit gibt es große Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Frauen weisen einen um knapp 14 Prozent höheren Krankenstand als Männer auf. Auch die Ursachen der Arbeitsunfähigkeit sind verschieden. Frauen fehlen vermehrt aufgrund von psychischen Erkrankungen während für Männer Verletzungen in erster Linie Grund für Ausfälle sind. Insgesamt sind Frauen öfter krankgeschrieben, Männer allerdings länger (vgl. Rebscher et al. 2016 S.34).

Bereits in der Kindheit lassen sich geschlechtsspezifische Verhaltensweisen zwischen Jungen und Mädchen feststellen. Mädchen reagieren auf Stress öfter mit internalisierten Verhalten und negativen Folgen wie Angstgefühle und Depressionen. Jungen hingegen tendieren eher zu externalisierten Verhalten mit Nebenfolgen wie der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS). Obwohl Depressionen zu den internalisierten Reaktionen gehören, unterscheidet sich die Anzahl der betroffenen Jungen und Mädchen nicht. Dies ändert sich jedoch in der Adoleszenz. Hier ist die Anzahl die depressiven Frauen doppelt so hoch wie die der Männer. Im Erwachsenenalter sind gestresste Männer anfälliger für Alkoholmissbrauch, Suchterkrankungen und antisoziale Verhaltensmuster. Wohingegen Frauen eine größere Neigung für Depressionen, Erschöpfung und Migräne haben. Außerdem sind Frauen insgesamt empfänglicher für stressbedingte psychische Störungen. Dazu gehören Angstzustände, Phobien und Panikattacken. Männer und Frauen unterscheiden sich ebenfalls beim Schmerzempfinden. Es gibt Belege, die nachweisen, dass Frauen sensibler gegenüber Schmerzen sind als Männer. Dieser Unterschied ist zurückzuführen auf soziale, kulturelle und psychologische Faktoren. Wenn ein Mädchen nach einem Sturz weint, weil es Schmerzen hat, bekommt es meistens Hilfe. Einem Junge in derselben Situation wird gesagt, dass Jungen nicht weinen sollen und er stattdessen zeigen soll wie tapfer und stark er ist. Solche Stereotype werden auch durch die Medien verstärkt und können dazu beitragen, dass es Männern schwerer fällt sich emotional auszudrücken. Daher lehnen es Männer ab Schwäche zu zeigen, indem sie Symptome ignorieren und sich weigern einen Arzt aufzusuchen.

Außerdem sind die Selbstmordraten bei den Männern deutlich höher als bei den Frauen. Dabei versuchen sich statistisch gesehen mehr Frauen das Leben zu nehmen. Männern gelingt die Selbsttötung jedoch häufiger, weil sie zu gewalttätigeren Mitteln greifen als Frauen. Des Weiteren hat sich die Rolle der Frau in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Die meisten Frauen sind heutzutage erwerbstätig, kümmern sich jedoch weiterhin vermehrt um die Kinder, den Haushalt und pflegebedürftige Familienmitglieder. All diese Verpflichtungen spielen eine Rolle für die Entwicklung stressbedingter physischer und mentaler Krankheiten bei Frauen (vgl. Sindi 2009, S.10f)

Stressbewältigung und geschlechterspezifische Unterschiede

Je häufiger, intensiver und langfristiger der Stress auftritt, desto mehr wirkt er sich auf die psychische und physische Gesundheit aus. Daher braucht Stress immer ein Gegengewicht. Welche Methode bei wem wirkt hängt von der Art des Stresses ab, sowie von den individuellen Ressourcen und Fähigkeiten sich zu entspannen. Menschen haben ganz verschiedene Strategien zur Stressbewältigung entwickelt:

Das Hobby steht auf Platz eins der beliebtesten Entspannungsmethoden in Deutschland. 70 Prozent der Befragten bauen dabei ihren Stress ab. Für Männer ist mit 77 Prozent das Hobby der wichtigste Ausgleich zum stressigen Alltag, bei den Frauen sind es 65 Prozent. Faulenzen und einfach Nichts-Tun gehört zu den zweitbeliebtesten Entspannungsmethoden und ist bei beiden Geschlechtern gleichermaßen beliebt (68 Prozent). Familie und Freunde gelten als die entscheidende Ressource. Zwei Drittel aller Erwachsenen in Deutschland geben an, dass ein Treffen mit Nahestehenden ihnen beim Stressabbau hilft. Familie ist somit nicht nur Stressauslöser, sondern auch eine unerlässliche Ressource.

Für sechs von zehn Befragten ist Spazierengehen, Gartenarbeit oder Musik machen bzw. hören ebenfalls eine wichtige Bewältigungsstrategie. Wobei Spazierengehen und Gartenarbeit deutlich Frauen bevorzugen (65 Prozent) während Musik bei den Männern präferiert wird (61 Prozent). Die größten Unterschiede zeigen sich beim Lesen. 64 Prozent der Frauen empfinden Lesen als entspannend, bei den Männern ist es nur jeder Vierte. Kochen oder Fernsehen wird gleichermaßen von jedem Zweiten bevorzugt. Sport wird nur von circa der Hälfte der Befragten zum Abbau von Stress genutzt. Dabei ist Sport nicht nur ideal gegen Diabetes, Rückenschmerzen und Herz-Kreislauf-Beschwerden, sondern  gehört auch zu den besten Methoden zum Stressabbau. 60 Prozent der Befragten die sich als gesund bezeichnen, nutzen Sport zum Ausgleich. Insgesamt lässt sich zusammenfassen, dass Frauen gesünder entspannen als Männer. Der Großteil der Männer nutzt ihr Hobby zur Stressbewältigung. Frauen hingegen sind Spaziergänge an der frischen Luft und die Arbeit im Garten genauso wichtig. Auch Entspannungsmethoden wie Yoga und Lesen und sind bei Frauen beliebter. Auch soziales Engagement (36 Prozent) hat einen hohen Stellenwert bei der Stressbewältigung, weil die Helfer dabei Wertschätzung erfahren und es positive Auswirkungen auf die Gesundheit und das Glücksempfinden hat. Soziales Engagement ist bei den Frauen mehr verbreitet als bei den Männern. Männer tendieren, wenn sie gestresst sind eher zum Alkoholkonsum, als Frauen. 38 Prozent der Männer, aber nur knapp ein Viertel der Frauen nutzen Bier- und Weinkonsum als Entspannungsmethode (vgl. TK 2016, S.18f).

Verletzlichkeit, Abhängigkeit und Inanspruchnahme von Hilfe passen zur stereotypen weiblichen Rolle. Frauen wird von der Gesellschaft die Rolle der Pflegerin aufgetragen und sie sind eher dazu bereit gesundheitliche Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen als Männer (vgl. MacMahon 1987, S.23). Die Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage ist bei Frauen aufgrund von psychischen Erkrankungen höher als bei Männern. Die DEGS-Studie konnte zeigen, dass 35,9 Prozent der Frauen und 30,7 Prozent der Männer innerhalb eines Jahres unter einer psychischen Erkrankung litten. Jedoch beanspruchten Frauen (37,5 Prozent) wesentlich häufiger bei Vermutung auf psychische Erkrankungen das Gesundheitssystem als Männer (27,5 Prozent). Daraus lässt sich schlussfolgern, dass Frauen häufiger bei psychischen Erkrankungen einen Facharzt aufsuchen und dies unter anderem ein Grund für die geschlechterspezifischen Unterschiede ist (vgl. Knieps & Pfaff 2016, S.53f.).

Problemorientiertes und emotionsorientiertes Coping

Problemorientiere Bewältigungsstrategien werden genutzt, um ein vorliegendes Problem zu ändern. Personen, die problemorientiert Handeln sehen den Stressor als Herausforderung an und gehen davon aus, dass sie die Situation ändern können. Das Individuum versucht die Anforderungen zu mindern und eigene Ressourcen zu erweitern (vgl. Kendel 2004, S.50). Dieser assimilativen Stil meint die Angleichung der Umwelt an das Individuum und gilt als typisch maskuline Bewältigungsstrategie (vgl. MacMahon 1987, S.51).

Die Emotionsorientierte Bewältigungsstrategie versucht Emotionen, die durch einen Stressor verursacht wurden, zu regulieren. Wenn das Individdum sich nicht in der Lage sieht die vorliegende Situation zu ändern oder Ressourcen zur Minderung des Stressors fehlen, wird diese Strategie verwendet (vgl. Kendel 2004, S.50). Dieser akkomodative Stil wird von Frauen vermehrt genutzt und gilt als typisch feminin. Er beschriebt die Angleichung des Individuums an die Umwelt (vgl. MacMahon 1987, S.51).

Stressoren erfordern in den meisten Fällen problemorientierte und emotionsorientierte Bewältigungsstrategien. Problemorientiertes Coping führt vermutlich mit geringerer Wahrscheinlichkeit zu Depressionen. Die Annahme lautet, dass Frauen mehr emotionsorientierte Strategien verwenden und Männer mehr problemorientierte Strategien. Beide Geschlechter profitieren von ihrer jeweiligen Strategie am meisten (vgl. Kendel 2004, S.50).

Maskulinität steht häufig im Zusammenhang mit verbaler Inkompetenz und aggressiven Ehrgeiz, aber auch größeren Selbstvertrauen und emotionalen Gleichgewicht. Nachteile stark ausgeprägter Maskulinität bei Männern sind aggressives Konkurrenzverhalten, sogenanntes Typ-A-Verhalten, welches vermehrt zu Herzinfarkten führt und emotionale sowie verbale Ausdruckshemmung. Männer haben meist Hemmungen ihre Gefühle verbal oder nonverbal mitzuteilen (vgl. MacMahon 1987, S.129f).

Vorteile konnten bezüglich Femininität und emotionsorientierten Coping hergestellt werden. Beide Eigenschaften korrelieren positiv mit effektiven Verhaltensweisen wie zum Beispiel dem Ergreifen von Initiative, der aktiven Inanspruchnahme von sozialen Hilfsmitteln und guten sozialen Fähigkeiten. Frauen können sich besser im persönlichen Bereich mitteilen oder emotional auszudrücken. Weitere Vorteile von Femininität werden auch in anderen Forschungsarbeiten bestätigt wie zum Beispiel Zufriedenheit mit zwischenmenschlichen Beziehungen, Mangel an Aggression und die Fähigkeit zur menschlichen Nähe. (vgl. MacMahon 1987, S.130).

Bei Männern stieg in Stresssituationen der Testosteronspiegel, welcher mit aggressiven Verhaltensweisen assoziiert wird. Im Gegensatz dazu steigen bei Frauen die Werte des Progesterons, welcher als Botenstoff für soziales Bindungsverhalten gilt. Daraus könnte geschlossen werden, dass Männer eher die Konfrontation suchen, Frauen dagegen den Schutz der Gruppe und soziale Kontakte (vgl. Westermann 2017). Männer sind schneller dazu bereit in Stresssituationen Risiken einzugehen, während Frauen sich eher als risikoscheu zeigen. Diese Stress-Folgen bei Männern und Frauen lassen sich evolutionsbiologisch erklären: Männer neigen in schwierigen Situationen zu Kampf und Flucht, während Frauen versuchen Bindungen zu festigen und sich mit den Umständen zu arrangieren (vgl. Stangl 2017).

Dr. Shelly Taylor veröffentlichte im Jahr 2000 die Annahme, dass Frauen im Laufe der Evolution eine eigene Methode entwickelt haben, um mit Stress umzugehen. Laut Taylor neigten Frauen in stressigen Situationen zur Tend-and-befriend-Lösung, alternativ zur typisch männlichen Fight-or-flight-Reaktion. Die Begründung für diese Theorie hat einen evolutionären Hintergrund: Frauen sind viel verletzlicher gegenüber externen Bedrohungen aufgrund von Anforderungen wie der Schwangerschaft, Krankenpflege und Kinderbetreuung. Strategien wie Kampf oder Flucht würden in den meisten Fällen den Verlust ihres Kindes bedeuten. Daher tendieren Frauen vermehrt zu friedlichen Lösungen. Dazu gehören den Nachwuchs pflegen und beschützen (tend) und Freundschaften schließen (befriend) (vgl. Juster 2009, S.15f). Taylor und ihr Team fanden außerdem heraus, dass Frauen an stressigen Tagen signifikant mehr Zeit mit ihrem Nachwuchs verbrachten, während Männer sich eher vom Familienleben zurückzogen (vgl. Dess 2000). Die Fight-or-flight-Reaktion ist eine typisch männliche Art um mit Stress umzugehen und ist bei Frauen insgesamt schwächer ausgeprägt. Der Tend-and-befriend-Ansatz daher bietet einen weiteren Blickwinkel auf die unterschiedlichen Bewältigungsstrategien in Stresssituationen zwischen Männern und Frauen (vgl. Kendel 2004, S.50).

Soziale Netzwerke

Mit sozialen Netzwerken ist der menschliche Beistand bzw. die Anwesenheit von anderen Personen gemeint, die Betroffenheit und Mitgefühl zeigen. Sie bieten Hilfe an, erteilen Rat und dienen als Bezugsperson bei Lebenskrisen oder Problemen. „Die Fähigkeit Kontakt aufzunehmen, Freundschaften zu schließen wird seit langem mit psychischer Gesundheit in Zusammenhang gebracht“ (MacMahon 1987, S.38). Im Umkehrschluss konnte bei Verlust oder Mangel von zwischenmenschlichen Beziehungen der Ausbruch bzw. Fortschritt von Krankheiten gezeigt werden (vgl. MacMahon 1987, S.37). In Bezug auf die Genesung oder Dauer des Krankenhausaufenthaltes spielt Kontaktfähigkeit eine bedeutende Rolle. Frauen zeigen ein größeres Bedürfnis als Männer nach geselligen Anschluss und neigen eher dazu, sich durch ihre sozialen Beziehungen zu definieren. Männer hingegen unterstreichen lieber ihre Autonomie und Unabhängigkeit (vgl. McMahon 1987, S.38f). Es konnten signifikante Unterschiede im Geselligkeitsverhalten von Krankenhauspatienten gezeigt werden. Weibliche Patienten aller Altersstufen nahmen an einer größeren Anzahl von sozialen Interaktionen teil, als männliche Patienten. Dieses gesellige Verhalten der Frauen wird als eine konstruktive Strategie angesehen mit der sie die Krankheit bewältigen können. Außerdem fühlen Frauen sich im Gegensatz zu Männern weniger durch Situationen bedroht, die kontaktaufnehmende oder soziale Fähigkeiten erfordern (vgl. MacMahon 1987, S.39). Die Ehe hat hinsichtlich der mentalen Gesundheit mehr Vorteile für Männer als für Frauen. Im Gegensatz zu Singles oder Geschiedenen haben verheirateten Männer eine erhöhte mentale Gesundheit und sind deutlich weniger anfällig für stressbedingte Depressionen. Frauen hingegen pflegen häufiger Kontakte außerhalb der häuslichen Umgebung beispielsweise zu Arbeitskollegen und Freunden (vgl. Sindi 2009, S.12).

Soziale Netzwerke sind somit eine der effektivsten Methoden zur Bewältigung von Stress. Zahlreiche Studien belegen, dass soziale Unterstützung positive Effekte auf physische und auf mentale Krankheiten hat. Forscher sind sich außerdem einig, dass soziale Netzwerke direkt und indirekt auf Gehirn und Körper wirken und zur Verbesserung vom Herz-Kreislauf-System und Linderung von Depressionen beitragen. Zusätzlich steht soziale Unterstützung in Verbindung mit schnellerer Erholung von Krankheiten und Langlebigkeit (vgl. Martin 2009, S.13f). Frauen sind viel eher dazu bereit sich auf soziale Unterstützung in stressigen Situationen einzulassen, als Männer. Obwohl die Präsenz eines Mitglieds des sozialen Netzwerkes beiden Geschlechter helfen kann Stress zu reduzieren, ist der Effekt bei den Frauen insgesamt größer (vgl. Juster 2009, S. 15f).

Fazit

Aufgrund von unterschiedlichen Geschlechterrollen und Lebensumständen nehmen Männer und Frauen Stress sehr unterschiedlich wahr und haben verschiedene Strategien entwickelt mit diesem umzugehen. Angefangen dabei, dass Männer und Frauen sich durch verschiedene Faktoren gestresst fühlen. Frauen fühlen sich aufgrund ihrer zusätzlichen Rolle als Pflegerin und Fürsorgerin, in erster Linie, durch die Unvereinbarkeit von Arbeit und Familie gestresst. Männer, die sich als Hauptversorger der Familie ansehen, belastet der Leistungsdruck auf der Arbeit. Insgesamt konnte diese Arbeit zeigen, dass es nicht auf das Geschlecht ankommt, sondern auf die Lebensumstände, Stressoren und die jeweiligen Ressourcen, die zur Verfügung stehen. Soziale und personale Ressourcen, individuelle Resilienz und somit die Wahrnehmung von Stress, sind geschlechterunspezifisch.

Wird der Stress zum Dauerzustand sind die daraus resultierenden Krankheiten bei beiden Geschlechtern ähnlich. Zahlreiche Studien haben belegt, dass Frauen vermehrt an stressbedingten psychische Krankheiten wie Depressionen erkranken. Männer hingegen neigen eher zur Ausflucht durch Alkoholkonsum und sterben auch häufiger an den Folgen von Stress, zum Beispiel durch einen Herzinfarkt.

Beide Geschlechter haben verschiedene Strategien zur Stressbewältigung entwickelt. Männer tendieren zu problemorientierten Coping Methoden. Ihnen fällt es schwerer Schwäche zu zeigen, sie ignorieren Krankheitssymptome und sind eher bereit Risiken einzugehen. Männer sind meist davon überzeigt, dass sie Probleme eigenständig lösen können und sie nicht auf Hilfe von Spezialisten oder Angehörigen angewiesen sind. Frauen hingegen fällt es leichter Probleme zu verbalisieren und sie ziehen eine emotionsorientierte Strategie vor, indem sie nach sozialer Unterstützung suchen. Nach der Fight-or-flight-Theorie und der Tend-and-befriend-Theorie funktionieren jeweils beide Bewältigungsstrategien für das jeweilige Geschlecht am besten. Allerdings wurde auch in nahezu allen Quellen betont, wie wichtig soziale Netzwerke für beide Geschlechter sind und dass Isolation sogar zum Fortschritt von Krankheiten führen kann.

USA stimmt gegen Verbot der Todesstrafe für Homosexuelle

Es ist das erste mal, dass der UN-Menschenrechtsrat die Todesstrafe für Homosexuelle verurteilt. Mit 27 zu 13 Stimmen (sieben Enthaltungen) verabschiedete das UN-Gremium am 29. September 2017 die Resolution. Unser NATO-Partner USA stimmten dagegen.

UNHCR

In der Resolution werden die Staaten dazu aufgefordert, die Todesstrafe bei einvernehmlichen homosexuellen Beziehungen, Blasphemie, Ehebruch und Abfall vom Glauben einzustellen.
Vor allem bei Ehebruch würden Frauen überproportional von dieser Strafe bedroht. Außerdem stellt die Resolution fest, dass arme Menschen und Ausländer unverhältnismäßig der Todesstrafe ausgesetzt sind. Menschen die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung, Gedanken, Religion und friedliche Versammlung wahrnehmen, sowie Menschen die religiösen oder ethnischen Minderheiten angehören, seien unverhältnismäßig unter den Verurteilten der Todesstrafe.


Keine Todesstrafe bei Homosexualität, Ehebruch, Blasphemie und Abfall vom Glauben

Länder die mit „Ja“ gestimmt haben: Albanien, Belgien, Bolivien, Brasilien, Deutschland, Ecuador, Elfenbeinküste, El Salvador, Georgien, Ghana, Großbritannien, Kirgisistan, Kongo, Kroatien, Lettland, Mongolei, Niederlande, Panama, Paraguay, Portugal, Ruanda, Schweiz, Slowenien, Südafrika, Togo, Ungarn, Venezuela

Länder die mit „Nein“ gestimmt haben: Ägypten, Äthiopien, Bangladesch, Botswana, Burundi, China, Indien, Irak, Japan, Katar, Saudi-Arabien, USA, Vereinigte Arabische Emirate

Enthaltungen: Indonesien, Kenia, Kuba, Nigeria, Philippinen, Südkorea, Tunesien


Aktuell wenden sechs Staaten die Todesstrafe für homosexuelle Beziehungen an: Iran, Saudi-Arabien, Sudan, Jemen und einige Regionen in Nigeria und Somalia. (Dazu kommen noch die vom IS kontrollierten Gebiete im Norden Iraks sowie im Norden Syriens.)
Fünf weitere Staaten haben diese noch, wenden sie aber aktuell nicht an: Afghanistan, Katar, Mauretanien, Pakistan und die Vereinigte Arabische Emirate.

Nicht nur, dass unser NATO-Partner USA dagegen gestimmt hat und dass die Todesstrafe grundsätzlich in einer zivilisierten Gesellschaft abgelehnt werden sollte, gibt es noch ein weiteren Kritikpunkt. Dieser bezieht sich auf die deutschen Medien, die bis heute die Abstimmung nicht erwähnt haben. So etwas sollte aber von einer freien, unabhängigen Presse unbedingt erwähnt werden!

Quellen

http://www.pinknews.co.uk/2017/10/03/why-did-the-us-vote-against-banning-the-death-penalty-for-gay-people/

http://www.losangelesblade.com/2017/10/02/u-s-opposes-un-resolution-death-penalty-sex-relations/

http://www.initiative-gegen-die-todesstrafe.de/nc/aktuelles/nachrichten/details/article/usa-stimmt-gegen-un-resolution-zur-verbannung-der-todesstrafe-fuer-lgbt.html

http://www.queer.de/detail.php?article_id=29800

http://ilga.org/downloads/HRC36_death_penalty_voting_resolution.pdf

http://undocs.org/A/HRC/36/L.6

Fremde Feder #1 – Gehalt ist immer ungerecht

Fremde Feder Teil 1 ist da! Darauf hat die Welt gewartet. Nein, nicht wirklich, aber es ist der Start einer Serie auf meinem Blog, in der ich euch interessante Artikel von anderen Seiten vorstellen möchte. Dazu werde ich ein Teil des Artikels hier veröffentlichen und dazu den ganzen Beitrag verlinken.

Der erste Teil handelt von einem Interview mit Detlef und Ulrich Lohmann von der allsafe GmbH aus der agora42. Es ist interessant zu sehen, wie Menschen mit ihrem Gehalt umgehen, wenn dieses nicht komplett vom Chef vorgegeben wird. Daraus entwickelen sich höchst unterschiedliche Ansätze und Ideen. Aber lest selbst.


# von: www.agora42.de # Titel: Gehalt ist immer ungerecht“ # vom: 29. August 2017

agora42 - Das philosophische Magazin

Wie gehen Sie denn mit dem finanziellen Gewinn um, den Sie in einem guten Jahr erwirtschaften?

Detlef Lohmann: Ganz einfach, es gibt für alle Mitarbeiter eine Gewinnbeteiligung. Dafür haben wir drei Gewinnschwellen festgelegt: Ab 5 Prozent Umsatzrendite gibt es für alle 10 Prozent vom EBIT, also vom operativen Ergebnis. Diese Summe wird kopfproportional verteilt, das heißt, jeder im Unternehmen bekommt exakt die gleiche Summe, weil wir uns das gemeinsam erwirtschaftet haben. Vor dieser Entscheidung gab es einen interessanten und langen Diskussionsprozess im Führungsteam, weil bis dahin bei Gewinnausschüttungen immer eine Gehaltsproportionalität verankert war. Somit hat die neue Regelung für die Führungskräfte einen Gehaltsverzicht bedeutet. Die zweite Schwelle: Ab 7,5 Prozent Umsatzrendite werden weitere 10 Prozent ausgeschüttet, dann aber gehaltsproportional. Und seit zwei Jahren haben wir die dritte Stufe: Ab 12,5 Prozent Umsatzrendite gibt es nochmal 5 Prozent für alle obendrauf. Und jetzt wird’s richtig spannend, denn diese letzten 5 Prozent werden zwar wieder kopfproportional verteilt – aber nicht mehr fix. Stattdessen kann jedes der 19 Teams, die wir mittlerweile haben, selbstbestimmt entscheiden, was sie mit dem Geld machen möchten. Jedes dieser Teams besteht aus mindestens sieben, maximal aber 16 Kollegen, und diese können innerhalb des Teams ihr eigenes Gerechtigkeitsmodell umsetzen.

Zu welchen Verteilungsmechanismen hat diese Möglichkeit geführt? Wie gehen die Menschen mit dieser Freiheit um?

Ulrich Lohmann: Auf ganz erstaunliche, aber auch sehr unterschiedliche Weise. Da wird zum Beispiel diskutiert, ob ein neuer Vertriebsmitarbeiter, der erst im Lauf des Jahres hinzugekommen ist, etwas von diesem Pro-Kopf-Geld abbekommen soll. Und das Team entscheidet: Ja, soll er! Also gibt jeder von seinem Anteil etwas ab, in diesem Fall 200 Euro, damit der neue Mitarbeiter den gleichen Anteil bekommt wie alle anderen. Das ist doch mal ein Effekt! Und so etwas spricht sich natürlich im Unternehmen herum. So verstehen die Leute immer mehr, dass wir hier eine Gemeinschaft sind – mit gemeinsamen Aufgaben und gemeinsamen Lösungen, für die sich jeder nach bestem Wissen und Gewissen einbringt.

Detlef Lohmann: Ein anderes Team hatte beispielsweise ein internes Führungsproblem, weil ein einzelner Kollege oft an Montagen und Freitagen fehlte. Das Team hat dann im Rahmen einer Konsensdiskussion entschieden, dass für jede Krankmeldung von den Teammitgliedern 100 Euro eingezogen und an Kollegen ohne Krankmeldungen verteilt werden. Das war natürlich auch eine Maßnahme, um diesen einen zu disziplinieren.

[komplett lesen]

Warum die Legalisierung aller Drogen sinnvoll ist – Ausblick in eine liberale Drogenpolitik

„Gebt das Hanf frei, und zwar sofort!“, dies hat kein kiffender Junkie gefordert, während er high durch den lila Zauberwald flog, sondern Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele.

 

Ziele der Drogenpolitik

Was ist das Ziel eines Verbots von Drogen? Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, definiert sie folgendermaßen: „Hauptziele der Drogenpolitik sind die Reduzierung des Konsums legaler und illegaler Suchtmittel sowie die Vermeidung drogen- und suchtbedingter Probleme“.[1] Das Grundgesetz hingegen garantiert in Artikel 2: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt […]“.[2] Lässt sich daraus ableiten, dass zu einem selbstbestimmten Leben das Recht auf Rausch gehört? Das Bundesverfassungsgericht verneinte diese Frage 1994 im sog. „Cannabis-Beschluss“. Dennoch bleibt die Frage offen: Ist der Beschluss mit dem Ziel der Drogenpolitik vereinbar? Kofi Annan (ehemaliger Generalsekretär der Vereinten Nationen) forderte 2014 eine liberalere Drogenpolitik: im Sinne der Menschlichkeit muss die Gesundheit und nicht die Strafverfolgung im Vordergrund stehen. Selbst die Regierung der USA erklärte den „War on Drugs“ als verloren.

 

Drogenpolitik in Portugal

Seit über 15 Jahren kennzeichnet das Gesetz 30/2000 in Portugal eine liberale Drogenpolitik. Im Zuge dessen ist der Besitz und Konsum von Drogen zum Eigenverbrauch nicht mehr strafbar. Es gibt keinen Unterschied zwischen den sogenannten harten und weichen Drogen. Allerdings wird der Besitz von Drogen weiterhin wie eine Ordnungswidrigkeit behandelt. Wer mit mehr erwischt wird, als gesetzlich erlaubt, wird nach Strafrecht verurteilt. Wird ein Bürger mit Eigenverbrauchsmengen erwischt, muss er vor einen Ausschuss, bestehend aus einem Juristen, einem Sozialarbeiter ebenso wie einem Psychologen. Muss ein Bürger zum zweiten Mal vor den Ausschuss, können Bußgelder oder Platzverbote verhängt werden. Daneben besteht ein Angebot aus Unterstützung und Therapie. Gleichzeitig hat man die Sozialarbeit in Problemvierteln ausgebaut sowie Aufklärungskampagnen in Schulen, Hochschulen und im Fernsehen gestartet. Substitutionsprogramme wurden für Abhängige eingeführt und das Therapieangebot verbessert. Ein wichtiger Schritt war darüber hinaus, dass „die Kommission dem Gesundheitsministerium und nicht[…] dem Justizministerium unterstellt wurde“. [3] Drogenkonsumenten werden daher vom Staat nicht mehr wie Straftäter behandelt, sondern wie Patienten. Die Open Society Foundation veröffentlichte zusätzlich zentrale Bestandteile des Gesetzes: „Prävention, Einsetzung von Kommission zur Vermeidung des Drogenmissbrauchs, Risiko- und Schadensminimierung, Behandlung der Betroffenen sowie gesundheitliche Rehabilitierung und soziale Reintegration“.[4]

 

Folgen in Portugal

Der Zugang zu den Konsumenten erfolgt durch die entkriminalisierten Drogen leichter, weil sie sich nicht mehr vor der Polizei fürchten müssen, erklärte Goulão. Dies hat zur Folge, „dass andere abhängige Personen helfen können, ohne als Komplizen von Straftätern zu gelten“.[5] Zudem nahm die allgemeine Kriminalität in Verbindung mit dem Drogenkonsum ab.

Nun möchte ich anhand von fünf Grafiken den Erfolg der liberalen Drogenpolitik Portugals demonstrieren.

Leichter Rückgang des Konsums illegaler Drogen bei Menschen zwischen 15 und 64 Jahren.
Leichter Rückgang des Konsums illegaler Drogen bei Menschen zwischen 15 und 64 Jahren.
Starker Rückgang des Konsums illegaler Drogen bei Menschen zwischen 15 und 24 Jahren.
Starker Rückgang des Konsums illegaler Drogen bei Menschen zwischen 15 und 24 Jahren.
Der fortgesetze Drogenkonsum ist von 45% auf 28% gesunken.
Der fortgesetze Drogenkonsum ist von 45% auf 28% gesunken.
Die Anzahl der Drogentote hat sich drastisch reduziert.
Die Anzahl der Drogentote hat sich drastisch reduziert.
Die fünfte Grafik bildet den deutlichen Rückgang von HIV- und AIDS-Diagnosen unter Drogenkonsumenten ab.
Die fünfte Grafik bildet den deutlichen Rückgang von HIV- und AIDS-Diagnosen unter Drogenkonsumenten ab.

Diese fünf Grafiken zeigen die Erfolge der Entkriminalisierungspolitik in Portugal auf und sollen Ihnen die Angst vor einer liberalen Drogenpolitik nehmen.

 

Schildower Kreis

122 Strafrechtsprofessoren unterschrieben eine Resolution an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages bis November 2013. In dieser forderten sie, die Wirksamkeit des Betäubungsmittelgesetzes zu überprüfen. Sie bemängelten die weltweit erfolglose strafrechtliche Bekämpfung der Drogennachfrage und -angebot und merken an, dass sich der Taliban-Terrorismus in Afghanistan größtenteils über den Schwarzmarkt mit Heroin und Haschisch finanziert. Dieser riesige Schwarzmarkt „generiert […] weitere Folgekriminalität und [hat] destabilisierende Auswirkungen auf globale Finanzmärkte ebenso wie [auf] nationale Volkswirtschaften“.[6] Wissenschaftliche Erkenntnisse belegen, dass die Gefahr von Drogen „besser durch gesundheitsrechtliche Regulierung […] sowie mit adäquaten Jugendhilfemaßnahmen zu bewältigen wären“. [7]

 

Organisierte Kriminalität, Schwarzmarkt & Folgen für Anbauländer

Das Verbot von Drogen fördert die organisierte Kriminalität und den Schwarzmarkt. Durch die extremen Profite entstehen Kriege zwischen Drogenkartellen mit vielen Todesopfern. „Allein in Mexiko sind in den letzten sieben Jahren über 70.000 Menschen im Drogenkrieg gestorben, über 30.000 Menschen werden vermisst“.[8] (Stand 2014) Mexiko, der Mittlere Osten und Südamerika produzieren einen Großteil der illegalen Drogen für den Westen. Wenn alle Drogen legal sind, fällt der riesige Schwarzmarkt weg und Stabilität kann in diese Länder zurückkehren.
Kontrolle über Verfügbarkeit & Reinheit
Mit dem Verbot von Drogen kann der Staat die Verfügbarkeit und Reinheit der Drogen nicht kontrollieren. Häufig führen Drogenkonsumenten ein normales Leben und sind sozial integriert. Drogenabhängige brauchen Hilfe, diese wird erschwert durch die Illegalität der Drogen. Die Strafverfolgung hat negative Folgen für alle. Durch staatlichen Anbau von Drogen kann der Staat die Reinheit der Drogen kontrollieren. Oftmals sterben Drogenkonsumenten an der schlechten Qualität der Schwarzmarktdrogen, da diese mit gefährlichen Substanzen gestreckt sind und der Wirkstoffgehalt unklar ist. Durch die Legalisierung von Drogen würden die weitaus noch gefährlicheren „Designer-Drogen“ vom Markt verschwinden, da es keinen Bedarf mehr für sie gibt. Nicht zu vergessen, dass durch das Verbot der Drogen, eine angemessene medizinische Versorgung verhindert wird.

 

Kosten, Einnahmen & Effizienz

Jedes Jahr gibt der Staat sechs Milliarden Euro für den Drogenbereich aus, wobei nur zwei Milliarden in die Prävention, Suchtberatung und niedrigschwellige Drogenhilfe fließen. Durch eine Legalisierung aller Drogen werden diese Kosten gestrichen und zusätzlich entstehen Steuereinnahmen. Der Hanfverband erwartet bei sehr vorsichtigen Schätzungen, dass alleine bei einer Cannabislegalisierung mindestens 1,4 Milliarden Euro pro Jahr direkt in die Staatskassen fließen. Ein weiteres Problem ist die Überlastung von Polizei, Justiz und Gefängnissen. Von den 276.000 Drogendelikten (Stand 2015) sind fast 210.000 Konsumentendelikte. Bei einer Legalisierung von Drogen bis zu einer bestimmten Menge, können viele Ermittlungsvorgänge eingespart werden. Diese frei gewordenen Kapazitäten bei der Polizei und der Staatsanwaltschaft können in anderen Bereichen eingesetzt werden.

 

Aufklärung und Jugendschutz

Das Ziel des Verbots ist es, den Konsum bestimmter Drogen zu verhindern. Jedoch kommt selbst die UNO zum Schluss, dass ein Verbot dieses Ziel nicht erreichen kann. Ein Verbot schreckt einige wenige Menschen ab, verhindert aber Aufklärung und vergrößert sowohl die gesundheitlichen, wie die sozialen Schäden für Menschen, die nicht abstinent leben wollen. Durch eine Tabuisierung wird eine gesellschaftliche Diskussion über Drogenkonsum ausgeschlossen. Jugendliche können nicht über ihre Erfahrungen mit ihren Eltern oder Lehrern reflektieren. Bewusster Konsum und Jugendschutz wird durch ein Verbot unmöglich. Darüber hinaus achtet ein Dealer nicht auf das Alter des Konsumenten. Durch einen staatlich regulierten Markt lässt sich der Jugendschutz viel besser gestalten.

 

Gefahr für den Bürger

Die willkürliche Aufteilung von legalen und illegalen Drogen suggeriert, dass Alkohol und Tabak die am wenigsten schädlichen Drogen sind. Jedoch kommt eine Studie (2010) von Prof. Nutt, Dr. King und Dr. Phillips, zu dem Ergebnis: „Alkohol ist die schädlichste Droge, noch vor Crack und Heroin“.[9]

Schadenspotential von Drogen

Im Jahr 2016 starben 1.333 Menschen an den direkten oder indirekten Folgen des Konsums illegaler Drogen. Im Vergleich dazu gab es 121.000 Tabaktote und 74.000 Alkoholtote. Jugendliches Experimentierverhalten wird kriminalisiert und die Lebenschancen von Jugendlichen gemindert.

 

Ethnische Diskriminierung

Ethnische Minderheiten hält die Polizei bei vermeintlich willkürlichen Kontrollen eher an und durchsucht sie öfters. Sie stellen zudem einen überproportionalen Teil der wegen Drogendelikte verhafteten Gefängnisinsassen dar. In einem Bericht aus Großbritannien wird aufgezeigt, dass weiße Menschen fast die doppelte Menge an Drogen konsumieren, als farbige Menschen. Farbige schwarze Menschen jedoch sechsmal wahrscheinlicher angehalten und kontrolliert werden. Durch eine Legalisierung von Drogen wird diese Ungerechtigkeit gestoppt und ein institutioneller Rassismus wird verhindert.

Grafik zur Diskriminierung

 

Selbstbestimmung

Jeder Mensch muss selbst verantwortlich dafür sein, was er mit seinem Körper macht und welche Drogen er konsumiert. Vor allem dann, wenn er dabei niemand anderen schadet.

 

Regulierende Maßnahmen

Ich habe Ihnen nun Argumente dargestellt, warum aus einer Legalisierung aller Drogen ein Vorteil für alle Bürger entsteht. Da ich nicht für eine unregulierte Legalisierung aller Drogen bin, stelle ich Maßnahmen vor, die parallel zur Legalisierung eingeführt werden können.
Alle Drogen sollen in Deutschland hergestellt werden. Damit hat man die Kontrolle über die Reinheit sowie Verfügbarkeit und verhindert Drogentote durch verunreinigte Drogen. Jugendlichen wird durch Werbung für Drogen (Alkohol und Tabak) suggeriert, dass es normal ist diese zu konsumieren. Dementsprechend muss man sie für alle Drogen verbieten. Darüber hinaus muss der öffentliche Konsum von allen Drogen zumindest teilweise verboten werden, z.B. in der Nähe von Schulen oder Spielplätzen. Begleitend muss mehr Aufklärung stattfinden, v.a. bei Jugendlichen und in sozialen Brennpunkten.

 

Fachgeschäfte und Drogenschein

Meiner Einsicht nach sollen alle Drogen nur in speziellen Fachgeschäften mit geschultem Personal verkauft werden dürfen. Um Drogen aber überhaupt kaufen zu können, muss man einen „Drogenschein“ machen. Erwerben kann man diesen Schein, indem man vorher über die Drogen aufgeklärt wird und einen Test bestehen muss. Die Drogen können auch z.B. je nach Gefährlichkeit in verschiedene Stufen eingeordnet werden. Je gefährlicher die Droge, desto schwieriger, die Freigabe für diese Stufe zu erhalten. Durch die Fachgeschäfte und den „Drogenschein“ hat man einen besseren Zugriff auf die Konsumenten und kann Ihnen bei Bedarf Therapien anbieten.

 

Schlusswort

Im Jahr 2016 starben 1.333 Menschen an den direkten oder indirekten Folgen des Konsums illegaler Drogen. Zuzüglich gab es 121.000 Tabaktote und 74.000 Alkoholtote. Hauptziele der Drogenpolitik sind die Reduzierung des Konsums legaler und illegaler Suchtmittel sowie die Vermeidung drogen- und suchtbedingter Probleme. Wenn wir das Ziel mit der Anzahl der Drogentoten vergleichen, sehen wir, dass dieses Ziel meilenweit verfehlt wird. Am Beispiel Portugal habe ich Ihnen die positiven Folgen einer Entkriminalisierung aller Drogen gezeigt, u.a. weniger Drogentote, weniger Konsumenten, weniger Diagnosen von HIV und AIDS unter Drogenkonsumenten. Hiernach habe ich noch viele weitere Vorteile einer Legalisierung aufgezählt: Weniger organisierten Kriminalität, Wegfall des Schwarzmarkts für Drogen und Stabilisierung der Anbauländer. Der Staat hat die Kontrolle über Verfügbarkeit und Reinheit der Drogen. Es können hohe Einnahmen durch Steuern generiert werden, Kosten zur Bekämpfung von Konsumentendelikten fallen weg und die Effizienz des Polizei- und Justizsystems wird verbessert. Aufklärung und Jugendschutz lässt sich bei einer Legalisierung aller Drogen effektiver durchsetzen. Begleitende Maßnahmen zur Regulierung sind Verbot von Werbung für Drogen, (teilweises) Verbot von öffentlichem Konsum, Fachgeschäfte und ein Drogenschein.

 

Weitere Informationen

  1. heise.de/tp/features/15-Jahre-entkriminalisierte-Drogenpolitik-in-Portugal-3224495.html
  2. https://www.opensocietyfoundations.org/sites/default/files/portugal-report-german-20120315.pdf
  3. http://schildower-kreis.de/resolution-deutscher-strafrechtsprofessorinnen-und-professoren-an-die-abgeordneten-des-deutschen-bundestages/
  4. https://www.bdk.de/der-bdk/aktuelles/der-kommentar/drogenpolitik-bdk-unterstutzt-forderung-nach-einsetzung-einer-enquete-kommission
  5. https://www.zamnesia.com/de/blog-entkriminalisierung-portugal-14-jahre-spater-n631
  6. https://youtu.be/0_-1Ie9GFSo
  7. https://www.youtube.com/watch?v=CWrA-dGrrec&index=226&list=WL
  8. https://hanfverband.de/nachrichten/news/zitate
  9. https://hanfverband.de/inhalte/finanzielle-und-wirtschaftliche-auswirkungen-einer-cannabislegalisierung
  10. https://hanfverband.de/inhalte/argumentation-drogenlegalisierung
  11. https://www.youtube.com/watch?v=qTo0E4ptxLk
  12. https://docs.google.com/document/d/1yUcR3IfgZHu9SF8rnLSfWeKOD3nm9w3d3aR4MV_-sWw/edit?pageId=109907282057296773733
  13. https://www.youtube.com/watch?v=LP1I9AS0Ezg
  14. https://www.youtube.com/watch?v=b90La1–jO8
  15. http://www.spektrum.de/artikel/1053306
  16. https://hanfverband.de/nachrichten/news/neue-studie-zur-gefaehrlichkeit-von-drogen-erschienen
  17. http://www.drogenbeauftragte.de/themen/studien-und-publikationen.html
  18. https://www.youtube.com/watch?v=CWrA-dGrrec
  19. http://www.br.de/puls/themen/welt/drogenpolitik-portugal-102.html
  20. http://www.emcdda.europa.eu/system/files/publications/2637/TDAT16001DEN.pdf
  21. http://www.tdpf.org.uk/blog/success-portugal%E2%80%99s-decriminalisation-policy-%E2%80%93-seven-charts

Quellen

[1] http://www.drogenbeauftragte.de/themen/drogenpolitik/nationale-strategie-zur-drogen-und-suchtpolitik.html

[2] https://www.gesetze-im-internet.de/gg/BJNR000010949.html

[3] https://www.opensocietyfoundations.org/sites/default/files/portugal-report-german-20120315.pdf

[4] https://www.opensocietyfoundations.org/sites/default/files/portugal-report-german-20120315.pdf

[5] www.heise.de/tp/features/15-Jahre-entkriminalisierte-Drogenpolitik-in-Portugal-3224495.html

[6] http://schildower-kreis.de/resolution-deutscher-strafrechtsprofessorinnen-und-professoren-an-die-abgeordneten-des-deutschen-bundestages/

[7] http://schildower-kreis.de/resolution-deutscher-strafrechtsprofessorinnen-und-professoren-an-die-abgeordneten-des-deutschen-bundestages/

[8] https://www.bdk.de/der-bdk/aktuelles/der-kommentar/drogenpolitik-bdk-unterstutzt-forderung-nach-einsetzung-einer-enquete-kommission

[9] http://www.spektrum.de/artikel/1053306

Gegen Demokratie – Keine Macht den Hobbits?

Ist eine Demokratie die beste Regierungsform? Jason Brennan bezweifelt das in seinem Buch „Gegen Demokratie – Warum wir die Politik nicht den Unvernünftigen nicht überlassen dürfen“. In seinem 464 Seiten starken Buch beschreibt er die Demokratie als ein Werkzeug für gute politische Ergebnisse.

Gegen Demokratie von Jason Brennan
Gegen Demokratie von Jason Brennan

 Die drei Idealtypen: Hobbits, Hooligans und Vulkanier (S. 19-20)

Hobbits
Die politische Entsprechung für Hobbits in der modernen Demokratie sind die typischen Nichtwähler. Die meisten Nichtwähler interessieren sich nicht für Politik, sie haben sehr wenige, wenn überhaupt politische Meinungen, sie beteiligen sich nicht viel und sie wissen nicht viel. Sie ziehen es vor, sich im Alltag möglichst wenig mit Politik zu beschäftigen.

Hooligans
Die meisten regelmäßigen Wähler, politischen Aktivisten, Parteimitglieder und Politiker sind Hooligans. Sie haben klare politische Ansichten, können Argumente für ihren Standpunkt vorbringen, aber können nicht überzeugend gegen andere argumentieren. Hooligans nehmen politische Informationen selektiv auf, wobei sie Daten die ihrer Meinung entsprechen aufnehmen, und Daten die nicht zu ihrer Meinung passen ablehnen.

Vulkanier
Vulkanier denken wissenschaftlich und rational. Sie interessieren sind für Politik, sind dabei aber leidenschaftslos, da sie sich bemühen, vorurteilsfrei zu denken und nicht irrational zu werden. Nach Brennan gibt es von diesen nur sehr wenige.

Kritik an der Demokratie (S.25)

  • Für die meisten Menschen hat die politische Partizipation keinen Nutzen
  • Es existiert kein Grundrecht auf die Beteiligung an Wahlen
  • Die Demokratie ist keine einzigartig oder wesensmäßig gerechte Regierungsform

Epistokratie als Ziel

Brennan ist für eine „Epistokratie“ (Herrschaft der Wissenden), wenn man davon ausgehen kann, dass diese bessere Ergebnisse als eine Demokratie liefert. Ein System, in dem die politische Macht formal entsprechend der Kompetenz, den Kenntnissen und der Bereitschaft verteilt wird, das Handeln an diesen Kenntnissen auszurichten. (S. 36)

Aber daraus, dass die politische Ungleichheit in der Vergangenheit ungerecht war, können wir nicht schließen, dass die politische Ungleichheit an sich ungerecht ist. Selbst wenn die Menschen in der Vergangenheit ohne gute Gründe von der politischen Macht ausgeschlossen wurden, könnte es gute Gründe dafür geben, manchen Menschen das Recht auf politische Teilhabe vorzuenthalten oder ihnen einen geringeren Anteil an der Macht zuzugestehen.
Zur Veranschaulichung : Wir sollten niemanden daran hindern, ein Auto zu fahren, weil er Atheist, homosexuell oder ein Unberührbarer ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass sämtliche Beschränkungen der Fahrerlaubnis ungerecht sind, Es kann durchaus gerechte Begründungen dafür geben, manche Menschen am Autofahren zu hindern, weil sie inkompetente Fahrer sind und im Straßenverkehr eine zu große Gefahr für andere Menschen darstellen. (S.42)

Wahlrecht oder 5-Dollar?

Wie wenig Bedeutung der Autor dem aktiven und passiven Wahlrecht zuspricht, kann man sehr gut an diesem Zitat sehen: „Sieht man von bestimmten außergewöhnlichen Umständen ab, so geben uns das aktive oder passive Wahlrecht oder das Recht auf politische Partizipation weniger Macht über unser eigenes Schicksal als der Fund eines 5-Dollar-Scheins auf dem Bürgersteig.“ (S.138)

Einfluss der kompetenten Menschen

Bei der Wahl hat zwar jeder den gleichen Einfluss, aber da dieser so klein ist, macht es für den einzelnen Wähler keinen wirklichen Unterschied ob er wählen geht oder nicht. „Dass die Demokratie einigermaßen gut funktionier, dürfte nicht daran liegen, dass das Wahlvolk kompetent ist, sondern daran, dass die Macht des Wahlvolks beschränkt ist.“ (S.289) Er sagt weiter, dass kompetentere Menschen einen größeren Einfluss auf die Politik haben, als weniger kompetente.

Sonstiges

Ich empfehle das Buch jedem weiter, der politisch interessiert ist. Es gibt einem neue Sichtweisen auf manche Elemente unserer Demokratie und erweitert den eigenen Horizont in Bezug auf unser politisches System — gerade kurz vor der Bundestagswahl.

 

Weitere Links:
http://www.ndr.de/kultur/buch/tipps/Politisches-Buch-Gegen-Demokratie,demokratie140.html

http://www.ullsteinbuchverlage.de/nc/buch/details/gegen-demokratie-9783550081569.html

http://www.ardmediathek.de/tv/Kulturjournal/Jason-Brennans-Streitschrift-Gegen-Demo/NDR-Fernsehen/Video?bcastId=3487828&documentId=42087628

 

 

 

Autoindustrie & Politik – Ein unzertrennbares Bündnis

Nach einem Bericht des Spiegels sollen die Autobauer Audi, BMW, Daimler, Porsche und VW sich zu Technik, Kosten und Zulieferern geheim abgesprochen haben. Das gehe aus einer Selbstanzeige von VW bei den Wettbewerbsbehörden hervor. Sie sollen sich seit den 1990er-Jahren abgesprochen und somit den Wettbewerb verzerrt haben. Es könnte hier der Grundstein für den Abgasskandal gelegt worden sein, indem sich die Autobauer über die Größe der AdBlue-Tanks abgesprochen haben. Die AdBlue-Tanks spielen eine wichtige Rolle, da sie für die Reduzierung der Auto-Abgase sorgen. Aus einer Audi-Präsentation zur „Clean Diesel Strategie“ geht hervor, dass es ein „Commitment der deutschen Automobilhersteller auf Vorstandsebene“ gibt, künftig kleine AdBlue-Tanks zu verwenden.

Abgase eines Autoauspuffs
Quelle: deutschlandfunkkultur.de

Kurz ein kleiner Rückblick in das Jahr 2016. Damals flog das LKW-Kartell von MAN, Daimler, Iveco, Volvo/Renault sowie DAF auf. Sie hatten seit 1997 geheime Preisabsprachen getroffen und die Bruttoverkaufspreise angehoben. Eine Rekordstrafe von knapp 2,93 Milliarden Euro wurden fällig.

Das Problematische daran ist aber nicht, dass sie einfach weiter betrügen, wie zum Beispiel im Abgasskandal, sondern dass die Politik sie nicht bestraft, sondern sich sogar weiterhin für die Autoindustrie einsetzt. Schön zu sehen am Beispiel China. Die chinesische Regierung will eine „Elektroquote“ einführen, nach der acht Prozent der verkauften Fahrzeuge Elektro- und Hybridmotoren sein müssen. Eigentlich eine gute Sache, könnte man meinen. Unsere „Klima-Kanzlerin“ wird diesen Vorschlag bestimmt unterstützen. Wenn da nicht die deutschen Automobilhersteller in China wären, die diese Quote niemals erfüllen können. Daher schaltete sich Merkel ein, und nun scheint es eine Einigung im Streit um die Quote zu geben. Die deutsche Botschaft bestätigte dies gegenüber der WirtschaftsWoche: „In der Frage der NEV-Kreditquote gibt es eine für die deutsche Automobilhersteller zufriedenstellende Lösung.“

Ein weiterer Aspekt, wo die Regierung die Autoindustrie tatkräftig unterstützt, sind die Dienstwagen. Das Dienstwagen gegenüber privaten Fahrzeugen steuerlich stark bevorzugt werden weiß sicherlich jeder. Aber wussten Sie auch, dass diese Steuervergünstigungen jährlich 4,6 Milliarden Euro betragen? Firmenwagen haben im Durchschnitt einen deutlich höheren CO2-Ausstoß als Privatfahrzeuge. Mehr als zwei Drittel der Neufahrzeuge mit über 200 PS werden an Unternehmen und Selbstständige ausgeliefert. Auch neue Fahrzeuge der gehobenen Mittel- und Oberklasse werden zu über 80 Prozent gewerblich zugelassen. Ist es wirklich nötig, dass so viele Dienstwagen 200 PS brauchen, oder leisten sich die Unternehmen teure Autos nur, weil sie genauso günstig oder sogar günstiger sind als kleinere, umweltfreundlichere Autos? Ist es sinnvoll eine Industrie, die so oft alles und jeden betrügt, mit 4,6 Milliarden Euro jährlich zu unterstützen? Das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft schlägt vor, dass für Arbeitgeber eine volle Absetzbarkeit der Anschaffungs- und Betriebskosten nur dann möglich sein soll, wenn der CO2-Ausstoß des Dienstwagens unterhalb gewisser Zielwerte liegt. In Belgien, Frankreich, Großbritannien und Irland richtet sich die Absetzbarkeit eines Dienstwagens bereits heute nach seinem CO2-Ausstoß.

In Deutschland wird in 28 Regionen dauerhaft gegen die Stickstoffdioxid-Grenzwerte verstoßen. Jährlich gibt es 400.000 vorzeitige Todesfälle als Folge der hohen Luftverschmutzung in der EU. Wäre es nicht an der Zeit als deutsche Regierung dagegen etwas zu tun? Anstatt die ganze Kraft in Anti-Terror-Gesetze zu stecken, die zum Teil auch die Menschenrechte einschränken? Dann doch lieber als EU-Parlament beschließen, dass die Stickstoffdioxidgrenzwerte für neue Dieselmotoren von ursprünglich 80mg/km auf 168 mg/km erhöht werden. Wenn das EU-Parlament sagt, dass die Menschen jetzt mehr Stickstoffdioxid aushalten, dann ist das so.

Ohne Straftat weggesperrt? Gibt’s doch gar nicht… doch in Bayern!

Wo auf der Welt können Menschen ohne das sie eine Straftat begangen haben für unbestimmte (!) Zeit eingesperrt werden? Und wo können Menschen eine Fußfessel bekommen, ohne das sie sich etwas zu Schulden kommen lassen haben? Türkei, Saudi-Arabien, Iran oder Ungarn? Nein, es ist Bayern. Ja richtig gehört, das Bundesland in Deutschland.

 

Gefängniszelle

 

Bayern verschärfte diesen Mittwoch das Polizeiaufgabengesetz, indem sie die Präventivhaft von 14 Tagen auf bis zu drei Monate ausweitet. Doch damit nicht genug. Nach drei Monaten muss ein Richter neu entscheiden und wenn er der Meinung ist, dass diese Person weiterhin eine Gefahr darstellt, kann er sie erneut für drei Monate wegsperren. Und es gibt keine Höchstdauer! Um es nochmal zu verdeutlichen: In Bayern kann jede Person, ohne das sie vorher eine Straftat begangen hat, für unbestimmte Zeit in Haft genommen werden.  Zudem führt das Gesetz als Präventivmaßnahme die elektronische Fußfessel für Personen ein, von denen eine Gefahr ausgeht.

Um dies zu ermöglichen schuf die CSU-Regierung eine neue Kategorie: die drohende Gefahr. Zuvor konnte die Polizei erst bei konkreter oder unmittelbar bevorstehender Gefahr tätig werden. Jetzt reicht es aus, wenn „das individuelle Verhalten einer Person die konkrete Wahrscheinlichkeit begründet, dass sie Straftaten in überschaubarer Zukunft begehen wird.“ Dieses Gesetz öffnet die Möglichkeiten für eine willkürliche Justiz.

Es wird hier in extremster Form der Rechtsstaat abgebaut und Freiheitsrechte massiv eingeschränkt. Ein Land in dem Personen ohne begangene Straftat eingesperrt werden oder eine Fußfessel bekommen, das ist kein freies Land mehr.

 

Weiteres:

Kommentar von Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung)

Gesetzentwurf