Trends und Entwicklungslinien der außeruniversitären Forschung im internationalen Vergleich

Abstract zu S. 74-87 aus: Wissenschaft als Beruf – Bestandsaufnahme – Diagnosen – Empfehlungen
(Herausgeber: Max Haller, Autor: Thomas Heinze)

Trends und Entwicklungslinien der außeruniversitären Forschung im internationalen Vergleich

 

Der Aufsatz „ Trends und Entwicklungslinien der außeruniversitären Forschung im internationalen Vergleich “ gibt für die Wissenschaft als Beruf einen international vergleichenden Überblick über die verschiedenen Trends in der außeruniversitären Forschung. Dazu wurden verschiedene Daten in einem zeitlichen Verlauf untersucht und verglichen: Anteile der Unternehmen an der Durchführung und Finanzierung von Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten (F&E), Output-Profile ausgewählter deutscher Forschungseinrichtungen sowie die Anzahl staatlich finanzierter Großforschungseinrichtungen in den Vereinigten Staaten und Deutschland.

 

Drei Trends außeruniversitärer Forschung

Es wird die neue Situation von Wissenschaftlern anhand von drei Trends in der außeruniversitären Forschung skizziert.  Der erste Trend ist der weltweite Rückgang der staatlichen Förderung von industrieller F&E. Ursächlich hierfür ist die Liberalisierung in bestimmten Wirtschaftssektoren sowie die steuerliche Förderung industrieller F&E. Ein zweiter Trend wird durch die institutionelle Aufwertung angewandter Forschung im staatlich finanzierten, außeruniversitären Forschungssektor beschrieben. Beispielhaft ist die Entwicklung der Frauenhofer-Gesellschaft (FhG) im Vergleich zur Max-Planck-Gesellschaft (MPG). Die FhG bringt gemessen an ihren Ressourcen die meisten Patentanmeldungen hervor, während Wissenschaftler der MPG die meisten Publikationen aufweisen. Dass angewandte Forschung in der außeruniversitären Forschung aufgewertet wurde, lässt sich durch das extreme Wachstum der FhG erklären. Das Problem der institutionelle Erneuerungsfähigkeit der staatlichen Großforschung bildet den dritten Trend ab. Dies bedeutet, dass Forschungsorganisationen neue Forschungsfelder etablieren und zugleich neues Wissen und Technologien im Kontext geänderter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen herstellen müssen. Nach einer kurzen Gründungs- und Expansionsphase (1940er, 1950er und 1960er) wurden nur noch sehr wenige neue Forschungszentren gebaut. Hier gibt es nun ein Konflikt zwischen der institutionellen Konsolidierung und den vielen neuen Forschungsfelder die etabliert werden müssen. Ein konzeptuelles Raster kategorisiert die vier Prozesse der institutionellen Erneuerung, um den Aufbau neuer als auch den Rückbau vorhandener Forschungsprozesse zu systematisieren (Auflösung, Aufschichtung, Verdrängung, Umwandlung).

 

Folgen und Probleme der außeruniversitären Forschung 

Die Ergebnisse der drei Trends (Rückgang der staatlichen Förderung der Industrieforschung, Aufwertung der angewandten Forschung im staatlichen Bereich und das Problem der institutionellen Erneuerungsfähigkeit der Großforschung) bedeuten, dass F&E eine immer größere Rolle für die kommerzielle Wertschöpfung spielt. Da im Vergleich zu den Hochschulen, die Unternehmen höhere Gehälter und bessere Aufstiegsmöglichkeiten bieten, ist es für Absolventen attraktiver einen Job in der Entwicklungsabteilung von Unternehmen anzunehmen, als eine Karriere an der Hochschule anzustreben. Die Anzahl der unbefristeten Stellen in Universitäten und außeruniversitären Instituten ist in den letzten Jahrzehnten nicht gewachsen, wohingegen sich der Arbeitsmarkt für Industrieforscher vergrößert hat. Viele Fachabsolventen werden daher die technische Entwicklung der akademischen Forschung und Lehre vorziehen. Parallel wandelt sich das berufliche Rollenbild von Forschern durch die institutionelle Aufwertung der angewandten Forschung in staatlichen Institutionen. Die Komplexität ihres Arbeitsumfeldes wird zunehmen und durch neue Anforderungen wird die Fähigkeit der Forscher zur Improvisation immer stärker. Höhere Komplexität kann zudem zur Ausbildung neuer Hierarchieebenen führen und damit in der Organisationsform der Industrieforschung und Großforschung ähnelen. Dies wird zu einem Verlust an Freiheit bei der individuellen Gestaltbarkeit der Forschungsarbeit führen. Durch das Problem der institutionellen Erneuerungsfähigkeit ergeben sich neue zusätzliche Herausforderungen für Wissenschaftler. Lange Zeit stellte eine Beschäftigung an einem Großforschungszentrum eine attraktive Lösung im Vergleich zu Hochschulen dar. Es wurde eine gesicherte berufliche Existenz gegen weniger Freiheit in der beruflichen Gestaltungsmöglichkeit getauscht. Dies funktioniert heute nicht mehr ohne weiteres, da viele Großforschungszentren den Anteil ihres befristeten Personals erhöhen, um ihre Neuausrichtung besser gestalten zu können.
Es ist daher davon auszugehen, dass die Beschäftigten von Großforschungszentren im Vergleich zur Industrieforschung (unbefristete Arbeitsverträge, hohes Gehalt) und zur Hochschulforschung (hohe Freiheitsgrade) in eine schlechte berufliche Situation geraten.

 

 

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